Warum ich Harley fahre

If I had to explain, you wouldn’t understand, das ist der Standardspruch ,den Nicht-Harley-Fahrer zu hören bekommen, wenn sie einen Harley-Fahrer fragen, warum er eine Harley fährt. Auf deutsch: Würde ich es Dir erklären müssen, würdest du es nicht verstehen. Warum eigentlich nicht? Was ist so schwierig an der Frage, frage ich mich oft. Ich selbst weiß genau, warum ich eine Harley fahre und noch genauer weiß ich, warum ich mich nur im äussersten   Notfall auf ein anderes Motorrad setzen würde. Und da muss man gar nicht lang drum rum quatschen, sondern die Sache bringt sich fast von selbst auf den Punkt:

Die ganze Geschichte begann damit, dass der junge Willi Davidson eine Freundin oben auf dem Berg hatte. Die besuchte er immer mit dem Fahrrad. Weil der Berg aber so hoch und steil war und der Jüngling nach der Fahrt so abgestrampelt, zeichnete sich die Beziehung nicht gerade durch ein reges Liebesleben aus. Um seine Manneskraft fürderhin nicht an den Aufstieg zu verschwenden, dachte Willi über Möglichkeiten nach, die es ihm erlauben sollten, frisch und ausgeruht zum Schäferstündchen zu erscheinen. Ein Gespräch mit seinem Freund Walle Davidson und dessen Bruder löste schliesslich das Problem. Gemeinsam entschloss man sich, das alte Fahrrad mit einem Hilfsmotor auszurüsten. Die ersten Probefahrten rund um die Holzbaracke, wo man sich abends traf um heimlich einen zu trinken, wurden ein voller Erfolg. Der Spass und die Freude an der dynamischen Fortbewegung ohne eigenen Krafteinsatz begeisterten Harley und die Davidson Brüder so granatenmässig,  dass die Beschäftigung mit dem neuen, einzylindrigen Vehikel schnell zum Selbstzweck wurde. Die Liebe auf dem Berg war da schnell vergessen, zumal sich immer mehr Töchter aus gutem Hause bei der kleinen Holzhütte untern in der Juneau-Avenue einfanden und bettelten mitgenommen zu werden.

Wie es weiterging kann man heute in jedem der vielen langweiligen Harley-Bücher nachlesen. Langweilig, weil hier doch nur die allerschlichtesten Fakten voneinander abgeschrieben und vorgeleiert werden. Da wurde zum Beispiel das Schnüffelventil im Jahre Neunzehnhundertnochmalwas durch einen Vergaser ersetzt und bla...bla...bla, beim Langstreckenrennen um die goldenen Zwetschge verlor die Konkurrenz das vordere Riemenrad, dann folgte schliesslich das Modell ... Bullshit! Viel interessanter sind doch die Gedanken, Ziele und Überlegungen, die die frischgebackenen Fahrzeugbauer bei ihren Weiterentwicklungen hatten, die man zwar nicht kennt, aber doch aus der Geschichte herau einfach nachvollziehen kann.

Als die Kraft des Einzylinders nicht mehr für genügend Spass sorgte, suchte man einfach eine frei Stelle am Motorgehäuse, bohrte dort ein grosses Loch und setzte einen zweiten Zylinder darauf. Weil man weder Lust noch Zeit hatte, sich auch noch mit der Konstruktion und dem Bau einer neuen Kurbelwelle zu beschäftigen, pfriemelte man so lange herum, bis das zweite untere Pleuelauge auf dem selben, leicht modifizierten Hubzapfen befestigt war. Die Folge war eine Laufkultur, dass es der Sau grauste. Aber die Freude darüber, dass es überhaupt fuktionierte war so groß, dass man es bis heute bei der dieser Lösung beliess. Um noch mehr Dampf zu machen, wären jetzt weitere Zylinder erforderlich gewesen. Nachdem aber nur unten am Kurbelgehäuse noch frei Stellen vorhanden waren und die Zylinder deshalb am Boden gestreift hätten, wurde die Idee nicht weiterverfolgt. Erst später, als beim Bau von Flugzeugen – diese bewegen sich bekanntlich in der Luft – das Problem des „am-Boden-streifens“ keine Rolle mehr spielte, wurde die Idee von anderen Konstrukteuren wieder aufgegriffen und der Sternmotor wurde erfunden.

Bei Harley-Davidson fand man andere Wege Dampf zu machen und bis heute reichen die zwei Zylinder allemal. Im Gegensatz zu anderen Motorkonstruktionen, die konsequent versuchen die gesamte Energie in Vortrieb umzuwandeln, konnte man es sich bei Harley leisten, das 3K-Prinzip zur vollkommenen Reife zu entwickeln. Beim 3-K-Prinzip wird die Energie bekanntlich gleichmässig auf die Größen Kraft, Kalorien (sprich Abwärme) und Krach umgesetzt. Letzterer ist seit einiger Zeit sogar gesetzlich geschützt.

Nach dem Motto, kommt Zeit kommt Rat, bekam man nach achtzig Jahren sogar die thermischen Probleme in den Griff, die ein zweiter, nicht im Fahrtwind liegender, luftgekühlter Zylinder hat. Die Erfindung des Aluminiums und dessen Verwendung im Motorenbau löste das Problem schlicht von selbst. Das Boxerprinzip (BMW), das Querstellen des Motors (Guzzi) oder gar die Wasserkühlung (Suzuki) wurden danach als Fehlentwicklungen entlarvt, geboren aus der unheiligen Ungeduld übereifriger Ingenieure. Ähnlich ist mit anderen Konstruktionsmerkmalen. Wobei man zugeben muss, dass auch die Company nicht immer den geradesten Weg ging. So fand man in den 80er Jahren schliesslich heraus, dass der besten Sekundärantrieb immer noch der Riemen ist, nachdem man viele Jahre unnötigerweise mit Ketten herumexperimentiert hatte. Zum Glück blieben uns wenigsten Lachhaftigkeiten , wie zum Beispiel der Kardan erspart, der ja eigentlich für den Betrieb des Kompasses erfunden wurde und der – was niemand erstaunt – auch heute noch, nur dort so richtig funktioniert. Wenn man dagegen schaut, was sonst auf der Welt produziert wird, da kann man eh nur den Kopf schütteln. Da erfinden die Reisfresser alle zwei Jahre das Motorrad komplett neu, mit der Konsequenz, dass ihnen demnächst die Buchstabenkombinationen für ihre Modelle ausgehen. Die dort gebauten  Rennsport-Eierfeilen sind so kompromisslos auf Höchstleistung ausgelegt, dass man sie eigentlich nur noch mit der Fernsteuerung fahren kann. Es ist doch nicht normal, dass man sich auf einer Kiste festklammern muss, in einer Körperhaltung, die mit hochgestrecktem Hintern an das Paarungsverhalten schwuler Paviane erinnert. Dass man diese Körperhaltung nur nackt oder ersatzweise gekleidet in einem speziell geschneiderten Überlebensanzug einnehmen kann, macht das ganze auch nicht lustiger. Und dann die Tatsache, dass die Konstrukteure es billigend in Kauf nehmen, dass der Fahrer in bestimmten Fahrsituationen zu akrobatischen Einlagen gezwungen ist – gemeint ist hier das Abstützen des Fahrzeugs in der Kurve mit dem KNIE! Ja geht’s eigentlich noch? Anscheinend ja, denn der Bedarf an diesen japanischen Heizerkisten ist so gross, dass sogar in Südösterreich nicht lizenzierte Nachbauten unter dem Namen Ducati zusammengewichst werden.

Zum anderen gibt es dann diese Alpen- und Sahara-Teile, die nicht nur wie Insekten aussehen, sondern sich auch oft so anhören. Die Sitzhaltung der gemarterten Piloten findet sich schon auf alten Holzschnitten mit Motiven aus der Inquisition. Um sich allerdings von der SadoMaso-Szene zu distanzieren, kleidet man sich in Gewänder, die farblich eher auf die Haiwaianische Surfer-Szene abgestimmt sind. Mangels Gelände brettert man dann die Treppen beim nächsten Einkaufszentrum rauf und runter und versucht die zwölfjährigen zu beeindrucken, die da rumstehen, weil sie zu Hause nicht VIVA gucken dürfen. Völlig überflüssig ist dann dieser Cruiser- und Chopper-Scheiss. Seit Honda vor über 30 Jahren mit diesem Goldwing-Quatsch angefangen hat, wird ein Lacher nach dem anderen produziert. Die Vollplastik-Tupperschüsseln mit Elektromotor und Rückwärtsgang sind doch eher Cabrios auf zwei Rädern und die Harley-Nachbauten mit Nostalgie-Plastik-Chrom und künstlichen Zylinder-Kühlrippen zeugen einzig vom verirrten Geschmack des verwirrten Fahrers. Wer kauft so was? Am härtesten bringt es allerdings BMW. Mit deutscher Gründlichkeit wurde da ein Gefährt konstruiert, das – garniert mit reichlich Gelsenkirchener Barock – eher an einen Kronleuchter auf zwei Rädern erinnert, als an ein Motorrad. Getoppt wird das nur noch vom vollverkleideten Schwestermodell mit Toaster-Motor. Da wollte man wohl den Auftrag für den Eurofighter abgreifen. Fehlen ja nur noch zwei Hellfire-Raketen und die Missgeburt könnte sich selbst zum Mond schiessen. Die Frage, warum ich eine Harley fahre, dürfte jetzt doch so ziemlich beantwortet sein, oder? Ich will einfach nur ein ganz normales Motorrad fahren. Es soll mich zur nächsten Pommes-Bude bringen, zum nächsten Harley-Treffen oder in den Thüringer Wald. Ausgeruht und ohne eingeklemmte Eier will ich dort ankommen. Und für diesen Spass bin ich bereit jeden Preis zu zahlen.