3. Juli – 18. Juli 2004

Die Dracula-Tour

Rundreise durch Transsilvanien und die Karpaten

Die Teilnehmer:

Gudrun, Ulli und Waltraut, Thomas und Conny, Dieter und Helga, Ulli, Liza und Julian

 

1. Tag (ca. 570 Km)

Treffpunkt Rastanlage Wunnenstein. Alle sind da Julian geniesst noch die Rutschbahn, während wir noch auf einen Reisepass warten. Dann geht es los. Ab Ansbach Wolkenbruch. Innerhalb Sekunden sind wir nass bis auf die Haut. Regenklammotten? Lohnt sich nicht mehr Es regnet mehr als eine Stunde. Doch hinter Regensburg haben wir uns wieder trocken gefahren. Bis Passau bleiben wir noch auf der Autobahn, dann erst links, ab Linz dann rechts der Donau. Am späten Nachmittag sind wir in Spitz. Ulrike erwartet uns schon in ihrer Pension am Ortsrand. So schöne Motorräder, seufzt sie, und endlich mal keine Rentner.

Warten auf den Reisepass

War's jetzt in Buda oder in Pest?

2. Tag (ca 470 km)

Nördlich um Wien herum, bei Nickelsdorf über die Grenze, Stop bei McDonalds und schon sind wir in Budapest. Hotel fast gleich gefunden, eingecheckt, abgeduscht und mit der Metro in die City. Abgewartet bis es dunkel wird – wegen der Brückenbeleuchtung und überhaupt wegen der Illumination. Fazit: Eine schöne Stadt.

Das Warten hat sich gelohnt

Budapest bei Nacht

3. Tag (ca. 380 km)

Von Budapest nach Cluj Napoca (Klausenburg), dem Zentrum von Transsilvanien. Erst 200 km geradeaus, dann bei Oradea über die Grenze. Geld getauscht – Hurra, wir sind Millionäre. Es folgen zwei kleine Pässe und direkt ins Hotel Vladeasa, mitten in Cluj.

Während die anderen duschen, geht die Fahrt für mich, Liza und Julian weiter bis Rascruci. Julian soll zur Oma, und dort die nächsten zehn Tage bleiben. Ob das gut geht?

angekommen

hoch die Tassen!

4. Tag (100 km)

Fahrt nach Gherla und Rascruci. Lizas Eltern haben uns eingeladen. Es gibt Kohlrouladen, Schnitzel, Schafskäse, selbstgebackenes Brot, noch mal Kohlrouladen usw. Die Nüsse im Kuchen sind von Willi aus Wolfegg. Was es nicht alles gibt? Danach Rückfahrt nach Cluj.

Das Haus von Lizas Eltern

Gespanne

5. Tag (deutlich mehr als 290 km)

Transylvanien und die Westkarpaten stehen heute auf dem Programm. Es ist sonnig und warm. Was noch keiner weiß, ich habe mich bei der Kilometerberechnung schwer verhauen und nicht die angegebenen 290 km, sondern ca. 500 km stehen auf dem Programm. Aber noch ist die Laune bestens. Nach Norden über Gherla und Dej fahren wir nach Baia Mare. Vier Bodyguards bewachen dort unsere, bei „einem etwas anderen Restaurant“, geparkten Bikes. Dann geht es den ersten richtigen Pass hoch. Oben angelangt: Pause. „Homule! Wie lang ist die Strasse den Pass runter ?“ fragt Liza einen sich den Berg hochquälenden Dacia-Pick-Up-Fahrer. „Genausoweit wie ihr hoch gefahren seid!“ Ach so. Unten angekommen, fühle ich mich ins Auenland versetzt, in diese sagenhafte, liebliche Landschaft, die Tolkien im Herrn der Ringe beschrieben hat: Hügelig, übersichtlich, unbeschreiblich grün, garniert mit hunderten von Heuhaufen. Die Häuser haben riesig hohe Holztore und zeugen vom Reichtum der Besitzer. Am Nachmittag nähern wir uns einem weiteren Gebirgszug quer vor uns und der Grenzstadt zur Ukraine. Hier in Sighitiu Marmatei wenden wir uns nach rechts, um ostwärts an der Grenze entlangzufahren. Die meisten denken, jetzt sind wir ja bald da. Wir sehen einen Wolf, Lisa schleudert auf einem riesigen Kuhfladen fast in einen LKW und Stunden später fängt es an zu regnen. Noch ein Pass, noch mehr Schlaglöcher. Punkt 21.30 Uhr biegen wir auf den Parkplatz vor dem Hotel ein. Was keiner mehr geglaubt hatte, wir haben es doch noch hier her geschafft.

Ganz oben hinter Baia Mare

Hotel Zimbrul in Campulung Moldovenesc

Die Klostermauer

6. Tag (ca. 250 km)

Heute steht ein Tagesausflug auf dem Programm, mindestens ein moldawisches Kloster wollen wir uns anschauen. Kaiserwetter, deshalb geht’s vorher zum Bike-Wash. Mit sauberen Harleys fahren am Kloster vor, vorher ein kleiner Pass, danach ein kleiner Pass, gute Strassen, schlechte Strassen, ausgedehnte Mittagspause, nachmittägliche Regenstunde und zurück nach ...Thomas ist der erste der es fehlerfrei aussprechen kann: Câmpulung Moldovenesc. Gudrun kann es zwei Tage später auch: Câmpulung Moldovenesc.

7. Tag (ca. 250 km)

Wieder ist das Wetter sehr gut. Über Vatra Dornei und Roiana Teiului geht es zum Bicaz-See, ein über 30 km langer Stausee in der herrlichen Landschft der Ostkarpaten. Die Höhenstraße führt über 40 km am östlichen Ufer entlang. Am Ende finden wir auch noch einen Badestrand. So eine Abkühlung ist genial, auch wenn der Strand steinig ist. Noch weitere 30 km Richtung Osten und wir sind in Piatra Neamt, wo wir im Hotel*** Central schon mit Schnaps und Hefezopf erwartet werden. Wir essen im Hotel und sind sehr angenehm überrascht: Zimmer gut, Essen gut, Preise gut, alles gut.

Lake Tahoe of Romania

8. Tag (350 km)

Relativ früh machen wir uns auf und fahren die Straße zurück bis zum südlichsten Punkt des Bicaz-Sees und von dort weiter nach Bicaz. Hier geht es durch die Bicaz-Klamm. Ein Bach hat hier eine atemberaubende Schlucht in den Kalksandstein gefressen, der im Volksmund auch Höllenschlund genannt wird. Die Strasse führt durch die bisweilen nachtdunkle Klamm deren über 100 m hohe Felswände an der engsten Stelle bis auf sechs Meter zusammenrücken. Am Ende der Schlucht geht es in engen Serpentinen steil bergauf – wer hat hier die Strasse geklaut? Später grober Schotter, als ob hier Eisenbahnschienen verlegt werden sollen. Dann ein Loch im Berg. Wenn ich dass Licht auf der anderen Seite nicht sehe, fahre ich auch nicht rein, sage ich mir. Aber man sieht das Licht und schnell sind wir am Lacu Rosu, einer weiteren Sehenswürdigkeit. Gott sei Dank hat es schon kurz nach Beginn unserer Fahrt angefangen zu regnen, weil nur so die dunkle Stimmung mit wallenden Nebeln rüberkommt, die zu diesen Orten einfach dazu gehört. Wie vereinbart bessert sich dann das Wetter schlagartig. Landschaft gibt es satt: Ebenen, Täler, Hügel, Berge. Am Nachmittag sind wir in Brasov und kurz darauf in Vulcan, wo das evangelische Gemeindehaus bereits für unser Eintreffen hergerichtet worden. Die Übernachtung mit Halbpension kostet hier 15 € pro Person. Abendessen gibt es um sieben, sagt man uns. Nicht vor sieben. Nicht nach sieben. Um sieben. Vor dem Essen wollen wir ein kleines Gebet sprechen, sagt die Leiterin. Kein Problem, nur wohin mit den ersten Bissen – schlucken oder wieder raus. Freunde von Dieter und Helga haben in Vulcan eine Heimat gefunden. Richie und Marianne begleiten uns die nächsten beiden Tage. Außerdem hat Richie ganz viel Bier eingekauft und ist jetzt froh, dass er es nicht alleine trinken muss. Gerne leisten wir ihnen in ihrer „kleinen“ Villa in parkähnlicher Landschaft Gesellschaft. Gegenüber gibt es ein Magasin mixt – also einen Gemischtwarenladen- wo Gudrun sich einen Tanga-Slip kauft.

9. Tag (ca. 150 km)

Tagesausflug nach Sinaia, dem St. Moritz von Rumänien. Was St. Moritz nicht zu bitten hat, ist ein komplettes Hohenzollernschloss, so wie das Schloss bei Hechingen, wie Hohenzollern, Lichtenstein, Sigmaringen, Haigerloch und weitere. Tatsächlich, hier in den tiefsten Karpaten haben sich die Preussen eine Sommerresidenz hingestellt., die wirklich sehenswert ist. Die Rückfahrt nach Brasov wurde nur durch ein kleines Golfabenteuer unterbrochen, danach warteten wir dann in einer Pizzeria gespannt auf den Einbruch der Dunkelheit. Punkt 22.15 Uhr fuhren wir dann in eine Plattenbausiedlung direkt am Waldrand. Was dann folgte, war eins der stärksten Erlebnisse auf unserer Reise. Punkt 22.30 Uhr sahen wir die ersten gelb funkelnden Augen zwischen den Bäumen auftauchen. Zwei Bären auf dem Weg zu den Müll-Containern. Unter Getöse reingeprungen und schon fliegt die erste Lidl-Tüte über die Strasse. Später folgt noch eine Bärenmutter mit ihren drei Kids. Sicher hast du das ja im Fernsehen schon mal gesehen. Aber so in echt, keine 5 m entfernt, ohne Zaun? Ja, also da haben wir noch oft drüber gesprochen.

Mutter mit Kids

10. Tag (ca. 150 km)

Tagesausflug nach Bran, eine der Dracula-Burgen. Und so sah sie auch aus. Schön hergerichtet und zur Besichtigung freigegeben. 20 km weiter sollte sich dann ein weiterer schöner Aussichtspunkt befinden, den uns die Leiterin des Gemeindehauses noch als Hausaufgabe gegeben hatte. Warum hat sie nicht gesagt, dass es dort keine Strasse gibt? Vermutlich um unseren Hochmut zu läutern. Auf halber Strecke gab es dann auch noch ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Niederschlag. Klar, dass hatte sie auch mit ihrem Chef abgesprochen. Den Aussichtspunkt haben wir dann nicht mehr erreicht.

Marianne und Richie (rechts)

11. Tag ( ca.220km)

Weiterfahrt nach Sibiu (Hermannstadt). Rechts und links von uns die höchsten Berge der Karpaten. Leider in dichtem Nebel. In Hermannstadt dann ein Mann winkend an der Strasse: Angelo – unser guter Geist für die nächsten beiden Tage. Am Abend ging es dann in die einzige Biker-Kneipe von Hermannstadt und hier ergab sich die unglaublichste Geschichte der ganzen Tour. Wir trafen den einzigen Harley-Fahrer von Hermannstadt und während wir an unserem Freibier nippten, sagte er zu Gudrun gewandt: „Von Dir hab ich ein Foto, ich bring’s morgen mit.“ Gudrun – sonst nie um eine Antwort verlegen - schwieg stille. Um es kurz zu machen: Cornel, so heisst der junge Mann, war vor drei Jahren mit seiner Freundin in Cluj, weil sie irgendeine studentische Abschlussarbeit dort abgeben musste. Cornel hatte sich für Motorräder nie interessiert, nur für Harleys. Aber alle sagten ihm, er sei zu klein und zu schwach, für so eine schwere Maschine. Nun ergab es sich aber, dass mitten in Cluj eine Hochzeitsgesellschaft herumstand, zu der auch einige Harleys gehörten. Und eine davon wurde von einer Frau gefahren. So wurden die Hauskaufpläne aufgegeben und aus Berlin eine Heritage Softtail importiert. Natürlich habt ihr es schon erraten: Die Frau war natürlich Gudrun und die Hochzeitsgesellschaft die meinige...

Und wann kaufst du jetzt das Haus fragten wir neugierig. Vorerst gar nicht, antwortete Cornel, denn ich möchte noch eine zweite Harley – ein Custom-Bike.

Cornel, 1. und bis jetzt einziger Harleyfahrer von Sibiu

Angelo

12.Tag (ca. 150 km)

Angelo hat sich Cornels Harley ausgeliehen, um standesgemäß unseren Tagesausflug anführen zu können. Wir fahren heute im Wolkenloch um bei Sighisoara (Schässburg) eine Kirchenburg zu besichtigen. Rückfahrt immer noch sonnig und heiß. Kaum in Sibiu angekommen und im Biergarten Platz genommen, müssen wir dann doch noch nach innen umziehen. Das fast alltägliche Gewitter.

Den Abend krönt ein gewaltiges Abendessen. Das könnte nicht besser passen, denn es ist der letzte Abend, den wir alle gemeinsam verbringen. Angelo gibt uns nebst Freundin die Ehre und auch Cornel kommt später noch mit Nadja, seiner Frau.

13. Tag ( ca. 150 km)

Über eine gut ausgebaute Strasse geht es Richtung Grenze. Cornel und Nadja waren Punkt neun vor dem Hotel, sie wollen bis Sebes mitfahren. In Sebes trennen sich unsere Wege. Ein letzter gemeinsamer Kaffee. Cornel und Nadja fahren zurück nach Hermannstadt, Liza und ich fahren nördlich nach Cluj, heute werden wir Julian wiedersehen, das macht den Abschiedsschmerz erträglich. Thomas, Conny, Ulli, Waltraut, Dieter, Helga und Gudrun werden weiter nach Westen fahren und wollen sehen wie weit sie kommen.

Abfahrt

 

Fazit

Fast 5000 km, teilweise auf Strecken, die noch keiner von uns vorher gesehen hatte und die zum Teil besser waren, aber doch teilweise auch viel schlechter, als wir es uns vorgestellt hatten.  Am östlichsten Punkt unserer Reise waren wir nur noch 450 km von Kiew entfernt und waren schon östlicher als Minsk. Ja, es war teilweise anstrengend und es war eine Herausforderung. Die Sorge, ob die Harleys die Schlaglochstrapazen überstehen, drückte sich manchmal unübersehbar in den Sorgenfalten einzelner Teilnehmer aus. Aber der solide Maschinenbau aus Milwaukee zeigte einmal mehr seine souveräne Überlegenheit. Die Schrauben hielten eindeutig besser als die Nerven, die an manchen Tagen blank lagen.

Ganz wichtig:

Wir hätten diese Reise keinen Tag, keinen Monat, kein Jahr später machen dürfen. So haben wir noch Dinge gesehen, die zwangsläufig schon bald nicht mehr da sein werden, so wie ja auch die Vampire im Licht der aufgehenden Sonne zu Staub zerfallen. Wir haben gehört, dass die Bären von Brasov, weil zu gefährlich, zwei Tage nach unserem Besuch umgesiedelt wurden. Die schlechten Strassen – die wir sicher auch oft verflucht haben – werden besser werden. Sie werden dann aber auch nicht mehr gemeinsamer Verkehrsraum von Kühen, Pferden, überladenen Ochsenkarren, Wölfen, Schafen, malerischen Zigeunerwagen und volltrunkenen Fußgängern sein, und sie werden noch mehr Verkehr bringen und natürlich auch noch mehr Touristen, mit allen Aus- und Nebenwirkungen. Alte Frauen am Straßenrand werden sich nicht mehr bekreuzigen, wenn wir vorbeidonnern, denn man hat ihnen jetzt gesagt, dass es „nur“ ein paar Harleys waren und nicht die sieben apokalyptischen Reiter. Rumänien und damit auch Transsilvanien und die Karpaten sind auf dem Weg nach Europa, da wird es eng werden für Freiheit und Abenteuer.

7.8.04